Identität · Wer Du werden musst

Aufschieberitis: Warum Du es weißt und trotzdem nicht anfängst

Von Redaktion··10 Min. Lesezeit

Aufschieberitis heißt: Du weißt, was zu tun ist, und fängst trotzdem später an, als Du müsstest. An fehlendem Wissen liegt das selten. Es liegt an der Lücke zwischen dem, was Du für richtig hältst, und der Person, für die dieses Handeln normal ist. Diese Lücke verkleinerst Du mit einem kleinen, belegbaren ersten Schritt.

Warum weißt Du, was zu tun ist, und tust es trotzdem nicht?

Weil Wissen Dir sagt, was richtig ist, aber nicht, wer Du bist. Du handelst im Alltag aus Deinem Selbstbild heraus, also aus dem, was für Dich normal ist. Passt eine Handlung nicht zu diesem Bild, kostet sie Dich jedes Mal einen eigenen Entschluss, und genau der wird vertagt.

Sieh Dir an, was Du nicht aufschiebst. Du beantwortest Kundenanfragen, hältst Termine, lieferst ab. Dafür brauchst Du keinen Vorsatz, denn das alles gehört zu der Person, die Du bist. Es läuft, ohne dass Du mit Dir verhandelst.

Die eine Sache, die seit Wochen auf Deiner Liste steht, ist anders. Die Preise anpassen. Das Gespräch mit dem Mitarbeiter führen. Das Angebot nachfassen, bei dem ein Nein möglich ist. Du weißt genau, dass es richtig wäre, und das Wissen ist vollständig.

Leg zwei Deiner Aufgaben nebeneinander, dann siehst Du es. Eine Reklamation beantwortest Du noch am selben Tag, obwohl sie unangenehm ist und eine halbe Stunde kostet. Die Nachricht mit dem neuen Preis kostet Dich fünf Minuten und liegt seit einem Monat im Entwurf. Am Aufwand kann es also nicht liegen, denn die leichtere Aufgabe ist die, die liegen bleibt.

Was fehlt, ist die Selbstverständlichkeit. Für die Person, die Du heute bist, ist diese Handlung eine Ausnahme. Ausnahmen brauchen Kraft, einen guten Tag und einen freien Kopf. Davon ist nach einem vollen Arbeitstag wenig übrig.

Deshalb bringt Dir auch mehr Wissen an dieser Stelle wenig. Noch ein Buch über Preisgestaltung, noch ein Gesprächsleitfaden: Beides erhöht Deine Möglichkeit zu handeln, erzeugt aber kein Ergebnis, das Dir antworten kann. Du bist danach besser vorbereitet und genauso weit von der Handlung entfernt wie vorher.

Ich nenne das die Lücke zwischen Einsicht und Identität. Einsicht heißt: Du hältst etwas für richtig. Identität heißt: Du tust es, ohne darüber zu verhandeln. Aufschieben ist der Abstand zwischen beiden.

Der Abstand ist kein Urteil über Dich. Er beschreibt nur, wo Du gerade stehst und wo die Handlung liegt. Und was sich beschreiben lässt, lässt sich bei Dir auch verkleinern.

Ist Aufschieberitis eine Frage der Selbstdisziplin?

Nein, in den meisten Fällen nicht. Wenn Du einen Betrieb führst, beweist Du jeden Tag Disziplin, sonst gäbe es ihn nicht. Aufschieberitis trifft bei Dir nicht alles, sondern bestimmte Aufgaben, und dieses Muster verrät die Ursache.

Wäre es ein Disziplinproblem, würdest Du alles aufschieben. Das tust Du nicht. Du schiebst gezielt das auf, was Dich in eine Rolle bringt, die noch nicht zu Dir gehört: die Person, die höhere Preise nennt, die Unbequemes anspricht, die sich zeigt.

Du kannst das an Deiner eigenen Liste prüfen. Schreib auf, was Du in den letzten vier Wochen mehr als einmal vertagt hast. Dann such den gemeinsamen Nenner. Bei den meisten Unternehmern, die ich kenne, sind es keine beliebigen Aufgaben, sondern immer wieder dieselbe Sorte.

Bei dem einen ist es alles, was mit Geld fordern zu tun hat: Preise, Mahnungen, Nachverhandlungen. Bei der anderen alles, was sie sichtbar macht: der Vortrag, der Beitrag unter eigenem Namen, der Anruf beim Wunschkunden. Was bei Dir auf der Liste steht, zeigt Dir die Rolle, die noch nicht Deine ist.

Deshalb führt der Rat „Selbstdisziplin lernen" bei Dir an der Sache vorbei. Disziplin ist Kraft gegen Widerstand. Du kannst mit Kraft eine Handlung erzwingen, einmal, zweimal. Der Widerstand bleibt, weil sein Ursprung bleibt.

Der Rat hat für Dich noch einen zweiten Preis. Wer sein Aufschieben für Disziplinmangel hält, sucht die Ursache in seinem Charakter. Dort findest Du nichts, woran Du morgen etwas ändern kannst. Wo Du die Ursache verortest, dort verortest Du auch Deine Handlungsmacht.

Das ist kein Kraft-Problem. Das ist ein Passungs-Problem. Solange die Handlung nicht zu Deinem Selbstbild passt, bezahlst Du sie jedes Mal neu.

Warum fängst Du nicht an, obwohl der Druck wächst?

Weil Druck die Dringlichkeit erhöht, aber die Handlung nicht normaler macht. Du spürst stärker, dass es Zeit wird, und stehst trotzdem vor derselben Ausnahme. Dazu kommt: Mit jeder Woche des Aufschiebens wächst die Aufgabe in Deinem Kopf.

Die Mechanik dahinter ist einfach. Jedes Vertagen verschafft Dir kurz Erleichterung. Die Erleichterung belohnt das Vertagen. Gleichzeitig hängt an der Aufgabe jetzt mehr: die verstrichene Zeit, die Erklärung für die Verspätung, Dein Urteil über Dich selbst.

Nimm das Angebot, das Du nachfassen wolltest. In der ersten Woche wäre es eine Nachfrage gewesen: „Ich wollte hören, wie Du Dich entschieden hast." In der dritten Woche brauchst Du schon einen Anlass, damit die Nachfrage nicht seltsam wirkt. In der sechsten überlegst Du, ob Du Dich überhaupt noch melden kannst.

Aus einem Anruf von zehn Minuten wird so eine Sache, für die Du „den richtigen Moment" brauchst. Der Aufwand ist derselbe geblieben. Gewachsen ist das Gewicht.

Du denkst jetzt vielleicht: Unter Druck liefere ich doch am besten. Für Aufgaben mit festem Termin stimmt das oft, die Steuerunterlagen gehen am letzten Tag raus. Die Aufgaben auf Deiner Aufschiebeliste haben aber meist keinen Termin, den Dir ein anderer setzt. Niemand mahnt Dich, Deine Preise anzupassen.

Bei diesen Aufgaben steigt der Druck langsam und von innen. Er wird nie groß genug für einen Durchbruch, aber er ist groß genug, um Dich jeden Tag ein wenig Aufmerksamkeit zu kosten. Du trägst die Aufgabe mit Dir, ohne sie zu erledigen, und zahlst dafür mit einem Kopf, der nie ganz frei ist.

Die Fachsprache nennt das Prokrastination. Das Wort ändert für Dich nichts an der Rechnung: Druck allein verschiebt den Zeitpunkt, an dem Du handelst, meist an den spätesten möglichen. Er macht Dich nicht zu der Person, die früh handelt.

Woran erkennst Du, an welcher Stelle Du hängenbleibst?

Du erkennst es an der Frage, welcher Satz bei Dir stimmt: „Ich sollte", „Ich weiß nicht, womit ich anfange" oder „Ich bin fast so weit". Hinter jedem der drei Sätze liegt eine andere Stelle, und jede braucht einen anderen nächsten Schritt.

Stelle eins: vor dem Entschluss. Dein Satz lautet „Ich sollte". Du hältst die Sache für richtig, hast sie aber nie entschieden. Prüfung: Steht ein Datum dahinter? Wenn nicht, ist es eine Meinung und kein Entschluss.

An dieser Stelle hilft Dir kein Plan, denn es gibt noch nichts zu planen. Dein nächster Schritt ist die Entscheidung selbst, mit Datum, oder die ehrliche Streichung. Auch „Das mache ich dieses Jahr nicht" ist ein Entschluss und nimmt Dir die Last von der Liste.

Stelle zwei: vor dem ersten Handgriff. Dein Satz lautet „Ich weiß nicht, womit ich anfange". Entschieden ist es, aber auf Deiner Liste steht ein Vorhaben statt einer Handlung. „Preise überarbeiten" kannst Du nicht tun. „Die drei Angebote dieser Woche mit dem neuen Satz rechnen" kannst Du tun.

Die Prüfung dafür: Kannst Du Dich bei der Aufgabe filmen lassen? Eine Handlung sieht man. „Mitarbeitergespräch vorbereiten" sieht man nicht, „Termin für Donnerstag in seinen Kalender eintragen" schon. Solange Dein Eintrag kein Bild ergibt, weiß Dein Kopf nicht, wo er anfassen soll.

Stelle drei: vor dem Sichtbarwerden. Dein Satz lautet „Ich bin fast so weit". Du hast gearbeitet, entworfen, durchdacht. Was aussteht, ist der Schritt, auf den jemand antworten kann: abschicken, anrufen, aussprechen.

Diese Stelle ist die tückischste, weil sie sich wie Fortschritt anfühlt. Du arbeitest ja an der Sache. Der Entwurf wird besser, die Argumente schärfer. Nur kommt die Rückmeldung dabei von innen, aus Deinem Gefühl, weiter zu sein, und nicht von jemandem, der antworten kann.

An der dritten Stelle zeigt sich die Identität am deutlichsten. Solange niemand antwortet, bleibt Dein Selbstbild ungeprüft. Der Schritt nach außen macht Dich zu der Person, die es getan hat, und davor zögert Dein bisheriges Ich.

Eine zweite Prüfung hilft Dir bei der Einordnung. Vervollständige den Satz: „Jemand, der das ohne Zögern tut, ist jemand, der …" Was Du dort einsetzt, beschreibt die Person, die Du für diese Handlung werden musst.

Vielleicht steht dort: „… der weiß, was seine Arbeit wert ist." Oder: „… die ein Nein aushält, ohne es persönlich zu nehmen." Damit hast Du zum ersten Mal vor Dir, worum es bei dieser Aufgabe wirklich geht. Und Du weißt, welche Art von Beleg Dir fehlt.

Was hilft gegen Aufschieben, wenn Vorsätze nicht halten?

Ein kleiner Schritt, der einen Beleg hinterlässt. Ein Vorsatz kündigt Dir eine Handlung an, ein Beleg zeigt Dir, dass sie geschehen ist. Dein Selbstbild richtet sich nach dem, was Du getan hast, und nicht nach dem, was Du Dir vorgenommen hast.

Dass Vorsätze bei Dir nicht halten, hat einen einfachen Grund. Der Vorsatz gibt Dir sofort das Gefühl, etwas getan zu haben. Du hast entschieden, Du hast es Dir aufgeschrieben, der Druck lässt nach. Die Handlung selbst steht danach unverändert vor Dir, nur mit weniger Antrieb als zuvor.

Du denkst jetzt vielleicht: Ein kleiner Schritt ist zu klein, um etwas zu ändern. Genau die Größe ist der Punkt. Ein großer Vorsatz verlangt von Dir, sofort die neue Person zu sein. Ein kleiner Schritt verlangt nur, einmal zu handeln wie sie.

Man könnte stattdessen den Druck erhöhen: eine Frist setzen, es jemandem ankündigen. Das bringt Dich einmal über die Schwelle. Es löst nicht das eigentliche Problem, denn beim nächsten Mal brauchst Du wieder Druck.

Belege wirken anders. Jeder einzelne macht die Handlung ein Stück gewöhnlicher. Warum das so ist, habe ich hier ausgeführt: Warum kleine Handlungen mehr beweisen als große Vorsätze.

Stell es Dir vor wie einen Trampelpfad über eine Wiese. Beim ersten Mal gehst Du durch hohes Gras, und es kostet Dich Mühe. Beim zehnten Mal ist dort ein Weg, und Du nimmst ihn, ohne nachzudenken. Der Vorsatz ist die Absicht, die Wiese zu überqueren. Der Beleg ist der Schritt, der das Gras niederdrückt.

Wer Prokrastination überwinden will, braucht also keinen stärkeren Willen. Du brauchst eine Reihe von Belegen, die Deinem Selbstbild widersprechen, bis es nachzieht.

Wie sieht ein belegbarer erster Schritt aus?

Ein belegbarer erster Schritt erfüllt drei Bedingungen: Du kannst ihn heute tun, er hinterlässt eine Spur außerhalb Deines Kopfes, und Du kannst ihn morgen wiederholen. Fehlt eine davon, ist es ein Vorsatz in kleinerer Schrift.

Heute machbar heißt: ohne Vorarbeit, ohne freien Nachmittag. Passt der Schritt nicht in den heutigen Tag, ist er noch zu groß. Dann teilst Du ihn, bis er passt.

Eine Spur außerhalb Deines Kopfes heißt: eine gesendete Nachricht, ein Termin im Kalender eines anderen, eine Zahl auf einem Angebot. „Darüber nachgedacht" hinterlässt keine Spur. Was Du nicht vorzeigen kannst, zählt Dein Selbstbild nicht.

Wiederholbar heißt: Der Schritt ist keine einmalige Kraftanstrengung. Ein Beleg ist ein Anfang. Erst mehrere machen aus der Ausnahme eine Gewohnheit.

Nimm das Beispiel mit den Preisen. Der Vorsatz lautet: „Ab nächstem Quartal erhöhe ich." Der belegbare Schritt lautet: Das nächste Angebot, das heute rausgeht, trägt den neuen Satz. Ein Angebot, eine Zahl, abgeschickt.

Oder das Gespräch mit dem Mitarbeiter. Der Vorsatz lautet: „Ich muss das endlich ansprechen." Der belegbare Schritt lautet: Du schickst ihm heute eine Einladung für Donnerstag, mit dem Thema im Betreff. Das Gespräch ist damit noch nicht geführt. Aber es steht in seinem Kalender, und zurück führt jetzt nur noch eine Absage, die Du begründen müsstest.

Beim Nachfassen ist es eine einzige Nachricht, zwei Sätze, heute gesendet. Kommt ein Nein zurück, hast Du trotzdem Deinen Beleg. Du bist dann die Person, die gefragt hat, und Dein Kopf ist eine offene Sache los. Der Beleg hängt an Deiner Handlung, nicht an der Antwort.

Danach hast Du die Lücke nicht mehr nur besprochen. Du hast einmal gehandelt wie die Person, für die diese Handlung normal ist. Die Lücke ist um einen Beleg kleiner.

Am zweiten Tag wiederholst Du den Schritt in derselben Größe. Vergrößere ihn nicht, nur weil der erste gelungen ist. Die Wirkung kommt bei Dir aus der Reihe, nicht aus dem einzelnen Kraftakt.

Die Regel dahinter: Erst werden, dann machen, dann haben. Und werden beginnt bei Dir mit dem kleinsten Schritt, den Du vorzeigen kannst.

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Häufige Fragen

Weil Dein Wissen vollständig ist, die Handlung aber noch nicht zu Deinem Selbstbild gehört. Was für Dich nicht normal ist, braucht jedes Mal einen eigenen Entschluss, und der wird vertagt.

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